tomcat1960
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Nachtrag zum Beitrag "Von unsinniger Suchtprävention ..."

Letzte Woche las ich in der Zeitung (weiß nicht mehr genau, in welcher) dass die englische Regierung eine Untersuchung hat durchführen lassen, an deren Ende die "gefährlichsten Drogen" ermittelt wurden.

Gerechnet wurde nach einem komplexen, aber wohl fairen Verfahren, in dem neben Suchtgefährdung auch die Folgewirkungen gesundheitlicher und gesellschaftlicher Art beleuchtet wurden. In der Summe aller Eigenschaften war dabei (wenn ich mich Recht erinnere) Heroin an Platz 1, Alkohol auf Platz 5 und Nikotin auf Platz 8, die restlichen Positionen nehmen verschiedene Erzeuge der Pharmaindustrie ein.

Nicht in die TopTen schafften es Haschisch (11.) und LSD (15.).

Alkohol, Tabak und Tabletten sind Wachstumsbranchen. Ein Schelm, wer schlecht darüber denkt.
18.4.07 20:00


Neues vom Schnüffelstaat

Bei Arcor tickert gerade das hier vorbei:
"Kabinett für Telefondatenspeicherung
Berlin (dpa) - Zur besseren Verbrechensbekämpfung sollen nach dem Willen der Bundesregierung künftig alle Verbindungsdaten von Telefon und Internet ein halbes Jahr lang gespeichert werden. Der vom Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf von Justizministerin Brigitte Zypries setzt eine Richtlinie der Europäischen Union um.

Datenschützer, die Internetwirtschaft, Anwälte und Medien protestieren gegen die Speicherung. Gespeichert wird, wer wann mit wem telefoniert hat, unabhängig von einem Verdacht auf eine Straftat. Bei Mobilfunkgesprächen wird zudem der Standort festgehalten.

Trotz dieses Kabinettsbeschlusses gibt es innerhalb der Regierung weiter große Differenzen über den Kurs zur Terrorabwehr. Justizministerin Brigitte Zypries kritisierte scharf neue Gesetzesvorschläge von Innenminister Wolfgang Schäuble. Irritiert zeigte sie sich auch über Aussagen Schäubles, dass die Unschuldsvermutung zur Terrorabwehr nicht gelte."

Nun ist es also soweit: Generalverdacht gegen jeden Einzelnen. Auch wenn es eine Richtline der EU ist (wo waren eigentlich die Proteste unserer Europa-Abgeordneten, als das beschlossen wurde?) - das ist Rasterfahndung durch die kalte Küche. Zumal verschiedene rechtliche Aspekte noch höchst unklar sind:

- Wer bezahlt die Vorratsspeicherung? In einem halben Jahr kommt ganz schön was an Daten zusammen, alleine die Speichermedien kosten ein Vermögen.

- Wer hat Zugriff? Gespeichert wird erstmal ohne Anfangsverdacht - schon das ist ein Novum. Wie kommen Ermittlungsbehörden an die Daten heran? Sicher wird da kein Richter gefragt werden - Sinn macht das Ganze doch nur, wenn die Daten ausgewertet werden können, um beispielsweise Profile potentieller Verdächtiger zu erstellen. Erst diese weiterverarbeiteten Daten können dann eingesetzt werden, um bspw. eine Telefon- oder Internetüberwachung zu beantragen.

- Schäuble hat ja deutlich gesagt, was er will: die Unschuldsvermutung soll ausgehebelt werden. Jaja, nur bei Terrorverdacht. Aber wie wird das wohl am Ende ausgehen? In Terrorverdacht bringe ich mich dann doch womöglich schon dadurch, dass mich ein Mann mit arabisch klingfendem Nachnamen anruft, der sich verwählt hat. Wer zieht die Grenze?

Hoffentlich nicht Herr Schäuble, der offenbar endgültig zum pathologischen Fall wird. (Das scheint das Amt mit sich zu bringen. Bei Schily war's genau so.) Wer Terrorismus als Kollateralschaden von Freiheit ansieht, dem sollten wir ganz genau auf die Finger sehen. Und im Bedarfsfalle auch draufhauen.

Merke: wer für etwas mehr Sicherheit die Freiheit opfert, verdient keins von beidem. (Benjamin Franklin)
18.4.07 19:49


Von Innerer Führung und der Verantwortung für die Vermittlung gesellschaftlicher Werte

Dem Arcor-Newsticker entnehme ich dieses:
"Offizieranwärter wegen Entgleisung bei Rekruten-Ausbildung entlassen
Berlin (dpa) - Die Bundeswehr hat den Offizieranwärter, der bei einer Rekruten-Ausbildung Afroamerikaner zum Feindbild gemacht hat, fristlos entlassen. Das Dienstverhältnis des Anfang 20-Jährigen wurde aufgelöst, teilte das Verteidigungsministerium in Berlin mit. Der Mann verliert seinen Dienstgrad und Anspruch auf Dienstbezüge. Der Fahnenjunker hatte im Juli 2006 in der Feldwebel-Schmid- Kaserne im schleswig-holsteinischen Rendsburg einem Rekruten ein fiktives «Feuern» mit dem Maschinengewehr auf Afroamerikaner im New Yorker Stadtteil Bronx befohlen. Ein weiterer Ausbilder filmte die Szene.

Die Staatsanwaltschaft Kiel leitete inzwischen ein Vorprüfungsverfahren ein. Untersucht wird der mögliche Tatbestand der Volksverhetzung. Der Vorgang hatte in den USA Empörung ausgelöst. Der Bürgermeister des New Yorker Stadtteils Bronx, Adolfo Carrion, forderte von Deutschland eine Entschuldigung."

Und bei T-online ist zu lesen:
"Bei der Suche nach den Ursachen für das Fehlverhalten eines Offiziersanwärters, der bei einer Rekruten-Ausbildung Afroamerikaner aus der New Yorker Bronx zum Feindbild gemacht hat, benennt der Bundeswehrverband Mängel in der Offiziersausbildung. "Wir müssen uns fragen, ob wir unseren Soldaten genügend bewusst machen, für welche Werte sie stehen", sagte der Verbandsvorsitzende, Oberst Bernhard Gertz, der Zeitung 'Die Welt'.
'Wertevermittlung zu kurz gekommen'
'Der Fahnenjunker in Rendsburg hat offensichtlich nicht gewusst, dass der Respekt vor der Menschenwürde und die Achtung der Grund- und Menschenrechte für den Bundeswehrsoldaten oberstes Gebot sind.' Vergleichbare Defizite habe auch der Generalinspekteur bei der Totenschädel-Affäre aufgedeckt. In Afghanistan hatten sich deutsche Soldaten mit Totenschädeln als Trophäen fotografieren lassen. In den vergangenen Jahren sei auch in der Ausbildung viel über die Einsatzorientierung der Bundeswehr gesprochen worden, so Gertz. 'Darüber ist offenbar die Wertevermittlung zu kurz gekommen.'"

Zunächst einmal: es ist gut und richtig, dass der Mann aus dem Dienst entfernt wurde. Einer, der mit solch schwachen Sprüchen "motivieren" will, hat bei der Truppe nichts verloren. Allerdings bleiben Fragen offen.

Erstens: der Vorfall hat sich bereits im Juli zugetragen und wurde von einem zweiten Ausbilder gefilmt. Wieso muss erst ein Dreivierteljahr ins Land gehen, bevor die Angelegenheit überhaupt ans Licht kommt? Es sagt viel (aber wenig Gutes) über den inneren Zustand der Armee, wenn sich offenbar niemand traut, solches Verhalten zu melden. Gerade nach der Totenschädel-Affäre sollte doch eigentlich jedem klar sein, wie leicht das Ansehen der Truppe Schaden nehmen kann, wenn gegen solchen Unterschleif nicht eingeschritten wird.

Zweitens: es muss uns alle betroffen machen, wenn Offiziernachwuchs der Bundeswehr mit solch dumpfem Weltbild daherkommt. Voraussetzung zur Zulassung zur Laufbahn als Truppenoffizier ist das Abitur. Wenn jetzt der Bundeswehrverband der Bundeswehr vorhält, es gelinge ihr nicht, Werte wie Menschenwürde und Achtung der Grund- und Menschenrechte zu vermitteln, dann wird das wohl stimmen. Allerdings möchte ich an dieser Stelle die Frage aufwerfen, ob es denn zur Kernkompetenz der Bundeswehr gehört, diese Werte zu vermitteln. Sollte nicht eigentlich erwartet werden müssen, dass junge Leute diese Werte im Elternhaus, oder spätestens in der Schule vermittelt bekommen? Abiturienten zumal, deren Eltern sich doch sicher etwas davon versprechen, dass ihr Kind einen höheren Schulabschluss macht.

Offenbar läuft einiges schief in unserem Land. Wir sehen auf eine Entwicklung zurück, die spätestens in den Achtzigerjahren begann, als das Leben im Land immer teurer wurde und es sich immer weniger Alleinverdiener leisten konnten. Kinder werden irgendwo abgestellt - Kindergärten und Schulen verkommen so zu Verwahranstalten, jedenfalls bis zum Nachmittagsprogramm, das dann von RTL, SAT1 und Konsorten gestaltet wird.

Es passt alles zusammen: Kinderbetreuung findet mangels öffentlicher Gelder nicht statt, die Diskussion um die richtige Schulform scheitert an ideologischer Verblendung aller Beteiligten, und die 750.000 Krippenplätze glaube ich erst, wenn sie geschaffen sind. Ein Bischof Mixa darf einen Generalangriff auf Frauen reiten und wird dafür nicht gesenkelt. Die Spaßgesellschaft verdeutlicht allen, die Kinder großziehen, wie dämlich solches Tun ist, das schließlich Unmengen Freizeit verbrennt, die doch viel sinnvoller mit Spaß haben erfüllt wird. So macht das Kinderhaben und Kindererziehen richtig Freude.

Was Wunder also, dass immer mehr Kinder entweder vom Fernseher erzogen werden oder sich in Gruppen organisieren, in denen sie leicht an falsche Freunde geraten können. Und die Erwachsenen geben auch kein gutes Beispiel: mehr, mehr, noch mehr lautet das Motto. Klar - mit weniger gäbe es ja auch kein Wachstum mehr. Kein Wachstum - das wäre nationaler Notstand, bedeutend schlimmer als die ganze globale Erwärmung. Aber dieses mehr, mehr, mehr kostet Geld, viel Geld, und so müssen eben alle mithelfen, um das Geld zu verdienen.

Nachhaltig leben? Lass mich doch mit dem Quatsch in Ruhe - schließlich muss ich meine Rechnungen bezahlen. Scheiss auf die Kinder.

Wir sollten uns drauf einstellen, dass Rendsburg kein Einzelfall bleibt, und sich ganz bestimmt nicht nur auf die Bundeswehr beschränkt. Grundwerte kann man nicht essen oder trinken, man muss sie (vor-)leben. Das fällt vielen schwer, nicht nur jungen Leuten. (Gell, Herr Schäuble?)

+++

Ach ja - ich wollte mich ja noch beim Bürgermeister der Bronx entschuldigen. Politisch höchst unkorrekt tue ich das nur für mich selbst, für ganz Deutschland mag ich nun wirklich nicht reden. Also, Herr Carrion: ohne Frage ist die Bronx ein ganz bezaubernder Stadtteil von New York, und das mit den Negern wird auch nicht mehr so schlimm sein.

Ich ziehe deswegen aber trotzdem nicht um.
17.4.07 21:15


Von unsinniger Suchtprävention und anderen Merkwürdigkeiten aus dem Politikalltag

In Großbritannien wurde heute eine ältere Dame zu 250 Stunden gemeinnütziger Arbeit und umgerechnet rund 1500 Euro Geldstrafe verurteilt, weil sie Cannabis angebaut und geerntet hatte - freilich nur für ihren eigenen Bedarf. Die 68-Jährige sagte, sie benutze Cannabis, um ihre Depressionen und Schmerzen zu bekämpfen, unter denen sie seit dem Tod ihres Sohnes und zwei Autounfällen leide. Mit etwas Cannabis in einer Tasse heißer Schokolade habe sie fünf schmerzfreie Stunden, sagte die Großmutter.

Lassen wir mal weg, dass in manch schlichterem Gemüt unwillkürlich das Bild eines alten Kräuterweibleins emporsteigt, das vermutlich auch in der Freinacht zum Brocken fliegt um dort nackt zu tanzen. Dann bleibt nämlich ein überaus ernster Hintergrund.

Cannabis - oder Haschisch, Marihuana oder "Gras" - ist ein anderer Name für eine der ältesten und vielseitigsten Kulturpflanzen der Menschheit - Hanf. Seit tausenden von Jahren wird Hanf genutzt - man macht Seile daraus, Stoffe, Papier. Und man kann daraus ein hervorragendes Schmerzmittel herstellen, praktisch frei von Nebenwirkungen.

Oder besser gesagt: man könnte, denn Hanf hat sich seit den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts von einer Kulturpflanze zu einem kulturellen Problem entwickelt. Es nimmt nicht nur körperliche, sondern auch seelische Schmerzen, und das passt den selbsternannten Sittenwächtern in unserer Gesellschaft überhaupt nicht in den Kram.

"Suchtbefördernd" sei Hanf und schon deswegen des Teufels. Merkwürdig nur, dass die gleichen Kreise kein Problem mit Nikotin und Alkohol zu haben scheinen, die mindestens ebenso suchtgefährdend sind wie Hanf.

Vor einigen Tagen habe ich im Herald Tribune den Artikel eines Arztes gelesen, der eine Lanze für den Hanf brach. "Würde Marihuana jetzt erst als Heilpflanze entdeckt", so schrieb er, "die chemische Industrie würde Milliarden investieren, um das Potential dieser Pflanze auszuloten, vermutlich gefördert vom Staat."

Warum also geschieht das nicht?

Nun - da geht es vor allem mal um Geld, viel Geld. Der weltweite Schmerzmittelmarkt ist aktuell rund 30 Milliarden Euro schwer, Tendenz steigend. Kein Pharma-Lobbyist kann es hinnehmen, dass dieser Markt plötzlich zusammenbricht, weil Menschen auf nachwachsende Schmerzmittel zugreifen können. Also wird dafür gesorgt, dass das Thema "Legalisierung" am besten gar nicht erst auf die Tagesordnung kommt, und wenn doch, dann zum Beispiel im Kontext von unter Rauschgifteinfluss verursachten Autounfällen. (Dabei machen solche Unfälle einen kaum messbaren Prozentsatz der Unfälle aus, die unter Alkoholeinfluss passieren. Freilich kommt niemand auf den Gedanken, deswegen Bier oder Schnaps zu verbieten. Das hatten wir nämlich schon mal, und profitiert hat davon nur die Mafia.)

Ich will nun nicht so weit gehen und sagen, dass das internationale Verbrechen die Politik dafür schmiert, dass Haschisch auch weiterhin verboten bleibt, und so die Schmuggelprofite hoch bleiben. Ersetzen wir aber "internationales Verbrechen" durch "Pharmaindustrie", dann wäre das mein Statement des Tages.

Einstweilen leiden Kranke weiterhin unnötige Schmerzen oder bekommen Schmerzmittel, deren Nebenwirkungen wiederum Medikamente erfordern, die wiederum Nebenwirkungen haben, die ihrerseits wieder ... Merkt Ihr, wie viel Geld da drin steckt?

...........

Gestern im "arcor"-Ticker:
Berlin (dpa) - Die von Sachsens Innenminister Albrecht Buttolo angeregte öffentliche Sexualstraftäter-Datei ist auf breite und teils scharfe Kritik gestoßen. Die Gewerkschaft der Polizei lehnte ein öffentliches «An-den-Pranger-Stellen» ab. Der Vorschlag stelle einen «eklatanten Verstoß gegen die Verfassung» dar, sagte der Bundesvorsitzende Konrad Freiberg. Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach sagte, man habe ja einmal den Pranger aus guten Gründen abgeschafft. Deutliche Kritik kam auch aus Niedersachsen.

Hallo? Wie bitte?

Wir reden hier über Leute, die rechtskräftig verurteilt sind. Ich für mein Teil möchte gerne wissen, wenn ein Kinderschänder in meine Nachbarschaft zieht. Ich werde irgendwann Enkelkinder haben, die ich mir dann von Zeit zu Zeit von meinen Töchtern ausleihe. Ich will kein unnötiges Risiko für diese Kinder, und ich verlange, dass mir der Staat dabei hilft, dieses Risiko zu minimieren.

Leider aber ist das Gesetz immer auf Seiten der Kriminellen, selbst wenn sie bereits verurteilt sind.

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Die Diskussion um Krippenplätze ist mittlerweile in Absurdistan angekommen, und ich reibe mir immer wieder verdutzt die Augen, wer da welche Argumente auspackt, wer mit wem koaliert und wer warum wogegen ist.

Also: die Familienministerin (selbst Mutter von 6 Kindern) ist dafür und möchte 750.000 neue Krippenplätze schaffen. Münte ist dagegen, angeblich, weil die Finanzierung dafür nicht steht. An seiner Seite der gute Katholik Mixa (komme ich gleich noch mal drauf), die zürnenden CDU-Granden, die sich von Frau von der Leyhen überfahren fühlen, und natürlich den Finanzminister.

Für Frau von der Leyhen sind nur die meisten Frauen (übrigens war heute "Tag der Frau") und ein paar unverbesserliche Softis. Keine guten Aussichten. Wahlen sind ja erst in ein paar Jahren...

Wenn man nicht mehr weiter weiß, bildet man 'nen Arbeitskreis. Diesem Leitgedanken des deutschen Parlamentarismus folgend, will man nun erst mal ausloten, wie viele Krippenplätze gebraucht werden. Das Gute daran: die Kleinen werden Abitur gemacht haben, bevor die Krippenplätze zur Verfügung stehen.

Sie haben Ihr Ziel erreicht...

..................

Die katholische Kirche, immer wieder gerne genommen, wenn es um Antworten auf brennende Fragen der Gegenwart geht, engagiert sich ganz besonders intensiv in der Ablehnung weiterer Krippenplätze. Ich wünsche mir, sie würde genau so intensiv dafür eintreten, dass nicht beide Eltern arbeiten müssen, nur um sich das Leben leisten zu können.

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Wer einmal sehen möchte, wie Familienförderung funktioniert, der soll sich mal in Schweden umschauen. Dort wimmelt es von Kinderwagen, geschoben von Männlein und Weiblein. Leisten können sich das die Familien, weil der Staat sie großzügig unterstützt. Schweden integriert auch seine AusländerInnen und macht sie zu SchwedInnen. Schweden hat Ganztagsschulen.

Schweden hat kein Demograhieproblem.
9.3.07 00:35


Von vegetarischen Carnivoren und andere Neuigkeiten von unseren amerikanischen Freunden

Ein Kollege erzählte mir gerade von einem Artikel, den er in einer Beilage zur englischen Sunday Times gelesen habe. Danach bringen Lehrer im US-amerikanischen Mittelwesten den Grundschülern die Schöpfungslehre auf ihre eigene Weise näher. Der Mensch, so ihre Aussage, hätte Tyrannosaurus gejagt, und Tyrannosaurus sei, entgegen allem, was uns die Wissenschaft lehrt, ein Pflanzenfresser gewesen.

Man müsste mal googeln, was man so zu "Creationism Tyrannosaurus" findet. Das Schlimme an dieser Geschichte ist, dass sie wahr sein dürfte.

Nach vierhundert Jahren Geschichte der Aufklärung erklärte uns Charles Darwin endlich anhand eines nachvollziehbaren Modells, wie die Evolution funktioniert. Jene, für die der Mensch die "Krone der Schöpfung" darstellt, konnten natürlich nicht akzeptieren, dass wir vom Affen abstammen, und viel mehr mit Schimpansen gemeinsam haben als mit irgendeinem göttlichen Wesen. (George W. Bush zum Beispiel dürfte auf dem Planeten der Affen kaum auffallen.) Gleichwohl trugen die Wissenschaftler, die der Evolutionstheorie folgten, Beweis auf Beweis für die Richtigkeit ihrer Hypothese zusammen - ganze Artenstammbäume lassen sich mit Fossilien belegen. So konnte es nicht ausbleiben, dass auf dem Höhepunkt der Aufklärung - um die Mitte des letzten Jahrhunderts - die Evolutionstheorie als herrschende Lehre anerkannt war.

Dann kam der Rückschlag. Beginnend in den fünfziger Jahren, dann verstärkt in den sechziger und siebziger Jahren fand der latent immer noch vorhandene Rassismus in den USA eine Unterlage in der Schöpfungslehre, die die Gleichheit der Menschen in Abrede stellte. Es konnte ja auch nicht sein, dass ein vietnamesisches "Schlitzauge" ebenso ein Mensch war wie der edle Weiße, der nach Vietnam gekommen war, um es von Schlitzaugen zu säubern. Niemand sagte das, viele dachten es nicht einmal, aber eine Menge Leute fühlten es.

Die Basis dieser Gefühle waren die unvollkommene, sensationsheischende Berichterstattung in den Medien - und die Schöpfungslehre. Viele Amerikaner betrachten sich selbst als Auserwählte, denen es bestimmt ist, sich die Erde untertan zu machen. (Das hat gute Tradition - es wurzelt im Britischen Weltreich, der Grande Nation, dem Römischen Reich, der Deutschen Philosophie und Wissenschaft und so weiter. All diese Einflüsse haben die USA zu dem gemacht, was sie heute sind.) Die Frage, wer sie denn auserwählt habe, beantworten sie dann mit einem Blick in die Bibel - und das bringt uns wieder zum Ausgangspunkt, der Idee von einem universalen Schöpfer.

Die "Kreationisten" sprechen ja auch nicht von der "Schöpfungslehre", sondern sie nennen es "Intelligent Design". Demnach habe irgendein Schöpfer jedes Lebewesen so entworfen, dass es genau für seine Aufgabe gemacht ist. Nichts verändert sich, nichts passt sich an. (Die Kreationisten tun sich natürlich schwer, die Dinosaurierfossilien zu erklären. Während sie früher behauptet haben, die habe der Schöpfer gleich mit vergraben, um den Glauben seiner Geschöpfe zu prüfen (!!!) so sagen sie heute, das seien alles Pflanzenfresser gewesen, deren Knochen (das wisse man ja) viel schneller versteinern als die von Fleischfressern. Zum Beweis führen sie an, dass man ja auch immer wieder 3-4000 Jahre alte Bäume finde, die auch versteinert seien.) Das ist kein Witz. Leider.

Die Kreationisten tun sich natürlich schwer, all die Fossilien zu erklären. Sie tun sich aber noch viel schwerer, Rezepte für die Zukunft zu entwickeln. Da nach ihrer Lehre keine Entwicklung, keine "Auslese der Arten" stattfindet, muss der Schöpfer ihrer Lehre auf sich verändernde Umweltbedingungen mit der Neuschaffung von Arten reagieren. So erklären sie - höchst passend - sprunghafte Mutationen, die es ja immer wieder gibt. (Die können Anhänger der Evolutionslehre genau so gut erklären, aber das tut hier nichts zur Sache.) Was aber, wenn der Schöpfer plötzlich streikt? Wenn er das Experiment "Menschheit" als gescheitert ansieht und einfach nicht fortsetzt? Nach der Überzeugung der Kreationisten sind wir dann erledigt - ohne Chance, uns anzupassen können wir nur aussterben. Heitere Aussichten.

Ich will nicht sagen, dass die "klassische" Wissenschaft keinen Erklärungsnotstand hätte. Auch die "klassische" Wissenschaft muss irgendwie erklären, dass es Fossilien gibt, wo Menschen- und Saurierspuren nebeneinander zu sehen sind, dass das Leben auf der Erde schon ein paar Mal weitgehend ausgerottet wurde und was vor dem Urknall war. Wir nehmen vieles für gegeben hin, was uns die Wissenschaft seit hundert Jahren erzählt hat und leben ganz gut damit, weil die Erklärungsmodelle ja auch zu dem passen, was wir beobachten. (Von der Lichtgeschwindigkeit einmal abgesehen, die nicht zunimmt, wenn ich eine Taschenlampe in einem fahrenden Zug einschalte, und von der Quantentheorie, deren Gegenstände so winzig sind, dass ich sie eh' nicht sehen kann. Hier hilft mir dann der Glaube weiter.)

Aber es ist ein Unterschied, ob ich fehlendes Wissen durch fundierte Annahmen ersetze, oder ob mein ganzes Weltbild auf dem festen Glauben basiert, dass etwas so ist, wie es mir erzählt wird. Das eine nennen wir Aufklärung, das andere Religion.

Nun also hat der Kreationismus die Grundschulen im Mittleren Westen erreicht. Sicher, rückständiger als der Mittlere Westen ist kaum eine Gegend in den USA, und der Corn Belt ist sicher auch nicht das Zentrum künftigen Bevölkerungswachstums in den USA. Trotzdem gilt es, sich Sorgen zu machen. Einem Hassprediger kann ich ausweichen, weil ich genau weiß, dass er mir nur seine Wahrheit erzählt. Einem Lehrer vertraue ich normalerweise meine Kinder an, damit er ihnen den letzten Stand der Wissenschaft vermittelt.

Und genau hier liegt das Problem: die Kreationisten verkaufen die Schöpfungslehre als "anerkannte wissenschaftliche Theorie", nicht als das, was sie eigentlich ist - Religion. Die Trennung von Staat und Kirche - eines der fundamentalen Prinzipien der amerikanischen Verfassung - ist damit de facto aufgehoben. 600 Jahre Aufklärung durch den Schornstein - einfach so, und niemand läuft dagegen Sturm! Amerika heute - ein Alptraum aus bigottem Überlegenheitsgefühl und blindem Technikglauben. Amerika morgen - ein Staat christlicher Fundamentalisten, gewissermaßen ein "Iran auf der anderen Seite"? Schlimmer noch, eine fundamentalistische Supermacht. Der Rest der Menschheitsgeschichte dürfte dann schnell erzählt sein.

***

Nun gibt es zum Glück nicht nur Schlechtes aus den USA zu berichten. Jimmy Carter, Ex-Präsident, seinerzeit als Versager gebrandmarkt und durch einen triumphierenden Ronald Reagan abgelöst, der die Probleme der Supermacht auf seine Weise löste, dieser Jimmy Carter also hat eine Stiftung ins Leben gerufen, die die Gesundheit der Menschen in der Dritten Welt verbessern will. Dies tut sie sehr konkret - aktuell beispielsweise hat sie sich den Guinea Worm vorgenommen. Der Guineawurm ist ein Parasit, der im Körper heranwächst und sich, sobald er reif ist, durch die Haut nach draußen frisst - eine für den Wirt äußerst schmerzhafte Prozedur. Jimmy Carter flog zu Opfern dieser Krankheit, und sein Besuch ist es häufig, der die politisch Verantwortlichen erst dafür sensibilisiert, dass es dieses Leiden in ihrem Zuständigkeitsbereich gibt. Dabei wäre es einfach zu verhindern - ein Mindestmaß an Hygiene schützt schon vor dem Wurm, und die Behandlung eines befallenen Patienten kostet nur wenige Dollar. Hier unterstützt dann auch die Stiftung.

Die New York Times, wo ich diesen Bericht gelesen habe, stellte fest, Jimmy Carter habe "in seinem Ruhestand bedeutend mehr für die Menschheit geleistet als die meisten Präsidenten" in ihrer Amtszeit - Zeit also, Jimmy Carter zu rehabilitieren.
6.3.07 20:28


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