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Von vegetarischen Carnivoren und andere Neuigkeiten von unseren amerikanischen Freunden

Ein Kollege erzählte mir gerade von einem Artikel, den er in einer Beilage zur englischen Sunday Times gelesen habe. Danach bringen Lehrer im US-amerikanischen Mittelwesten den Grundschülern die Schöpfungslehre auf ihre eigene Weise näher. Der Mensch, so ihre Aussage, hätte Tyrannosaurus gejagt, und Tyrannosaurus sei, entgegen allem, was uns die Wissenschaft lehrt, ein Pflanzenfresser gewesen.

Man müsste mal googeln, was man so zu "Creationism Tyrannosaurus" findet. Das Schlimme an dieser Geschichte ist, dass sie wahr sein dürfte.

Nach vierhundert Jahren Geschichte der Aufklärung erklärte uns Charles Darwin endlich anhand eines nachvollziehbaren Modells, wie die Evolution funktioniert. Jene, für die der Mensch die "Krone der Schöpfung" darstellt, konnten natürlich nicht akzeptieren, dass wir vom Affen abstammen, und viel mehr mit Schimpansen gemeinsam haben als mit irgendeinem göttlichen Wesen. (George W. Bush zum Beispiel dürfte auf dem Planeten der Affen kaum auffallen.) Gleichwohl trugen die Wissenschaftler, die der Evolutionstheorie folgten, Beweis auf Beweis für die Richtigkeit ihrer Hypothese zusammen - ganze Artenstammbäume lassen sich mit Fossilien belegen. So konnte es nicht ausbleiben, dass auf dem Höhepunkt der Aufklärung - um die Mitte des letzten Jahrhunderts - die Evolutionstheorie als herrschende Lehre anerkannt war.

Dann kam der Rückschlag. Beginnend in den fünfziger Jahren, dann verstärkt in den sechziger und siebziger Jahren fand der latent immer noch vorhandene Rassismus in den USA eine Unterlage in der Schöpfungslehre, die die Gleichheit der Menschen in Abrede stellte. Es konnte ja auch nicht sein, dass ein vietnamesisches "Schlitzauge" ebenso ein Mensch war wie der edle Weiße, der nach Vietnam gekommen war, um es von Schlitzaugen zu säubern. Niemand sagte das, viele dachten es nicht einmal, aber eine Menge Leute fühlten es.

Die Basis dieser Gefühle waren die unvollkommene, sensationsheischende Berichterstattung in den Medien - und die Schöpfungslehre. Viele Amerikaner betrachten sich selbst als Auserwählte, denen es bestimmt ist, sich die Erde untertan zu machen. (Das hat gute Tradition - es wurzelt im Britischen Weltreich, der Grande Nation, dem Römischen Reich, der Deutschen Philosophie und Wissenschaft und so weiter. All diese Einflüsse haben die USA zu dem gemacht, was sie heute sind.) Die Frage, wer sie denn auserwählt habe, beantworten sie dann mit einem Blick in die Bibel - und das bringt uns wieder zum Ausgangspunkt, der Idee von einem universalen Schöpfer.

Die "Kreationisten" sprechen ja auch nicht von der "Schöpfungslehre", sondern sie nennen es "Intelligent Design". Demnach habe irgendein Schöpfer jedes Lebewesen so entworfen, dass es genau für seine Aufgabe gemacht ist. Nichts verändert sich, nichts passt sich an. (Die Kreationisten tun sich natürlich schwer, die Dinosaurierfossilien zu erklären. Während sie früher behauptet haben, die habe der Schöpfer gleich mit vergraben, um den Glauben seiner Geschöpfe zu prüfen (!!!) so sagen sie heute, das seien alles Pflanzenfresser gewesen, deren Knochen (das wisse man ja) viel schneller versteinern als die von Fleischfressern. Zum Beweis führen sie an, dass man ja auch immer wieder 3-4000 Jahre alte Bäume finde, die auch versteinert seien.) Das ist kein Witz. Leider.

Die Kreationisten tun sich natürlich schwer, all die Fossilien zu erklären. Sie tun sich aber noch viel schwerer, Rezepte für die Zukunft zu entwickeln. Da nach ihrer Lehre keine Entwicklung, keine "Auslese der Arten" stattfindet, muss der Schöpfer ihrer Lehre auf sich verändernde Umweltbedingungen mit der Neuschaffung von Arten reagieren. So erklären sie - höchst passend - sprunghafte Mutationen, die es ja immer wieder gibt. (Die können Anhänger der Evolutionslehre genau so gut erklären, aber das tut hier nichts zur Sache.) Was aber, wenn der Schöpfer plötzlich streikt? Wenn er das Experiment "Menschheit" als gescheitert ansieht und einfach nicht fortsetzt? Nach der Überzeugung der Kreationisten sind wir dann erledigt - ohne Chance, uns anzupassen können wir nur aussterben. Heitere Aussichten.

Ich will nicht sagen, dass die "klassische" Wissenschaft keinen Erklärungsnotstand hätte. Auch die "klassische" Wissenschaft muss irgendwie erklären, dass es Fossilien gibt, wo Menschen- und Saurierspuren nebeneinander zu sehen sind, dass das Leben auf der Erde schon ein paar Mal weitgehend ausgerottet wurde und was vor dem Urknall war. Wir nehmen vieles für gegeben hin, was uns die Wissenschaft seit hundert Jahren erzählt hat und leben ganz gut damit, weil die Erklärungsmodelle ja auch zu dem passen, was wir beobachten. (Von der Lichtgeschwindigkeit einmal abgesehen, die nicht zunimmt, wenn ich eine Taschenlampe in einem fahrenden Zug einschalte, und von der Quantentheorie, deren Gegenstände so winzig sind, dass ich sie eh' nicht sehen kann. Hier hilft mir dann der Glaube weiter.)

Aber es ist ein Unterschied, ob ich fehlendes Wissen durch fundierte Annahmen ersetze, oder ob mein ganzes Weltbild auf dem festen Glauben basiert, dass etwas so ist, wie es mir erzählt wird. Das eine nennen wir Aufklärung, das andere Religion.

Nun also hat der Kreationismus die Grundschulen im Mittleren Westen erreicht. Sicher, rückständiger als der Mittlere Westen ist kaum eine Gegend in den USA, und der Corn Belt ist sicher auch nicht das Zentrum künftigen Bevölkerungswachstums in den USA. Trotzdem gilt es, sich Sorgen zu machen. Einem Hassprediger kann ich ausweichen, weil ich genau weiß, dass er mir nur seine Wahrheit erzählt. Einem Lehrer vertraue ich normalerweise meine Kinder an, damit er ihnen den letzten Stand der Wissenschaft vermittelt.

Und genau hier liegt das Problem: die Kreationisten verkaufen die Schöpfungslehre als "anerkannte wissenschaftliche Theorie", nicht als das, was sie eigentlich ist - Religion. Die Trennung von Staat und Kirche - eines der fundamentalen Prinzipien der amerikanischen Verfassung - ist damit de facto aufgehoben. 600 Jahre Aufklärung durch den Schornstein - einfach so, und niemand läuft dagegen Sturm! Amerika heute - ein Alptraum aus bigottem Überlegenheitsgefühl und blindem Technikglauben. Amerika morgen - ein Staat christlicher Fundamentalisten, gewissermaßen ein "Iran auf der anderen Seite"? Schlimmer noch, eine fundamentalistische Supermacht. Der Rest der Menschheitsgeschichte dürfte dann schnell erzählt sein.

***

Nun gibt es zum Glück nicht nur Schlechtes aus den USA zu berichten. Jimmy Carter, Ex-Präsident, seinerzeit als Versager gebrandmarkt und durch einen triumphierenden Ronald Reagan abgelöst, der die Probleme der Supermacht auf seine Weise löste, dieser Jimmy Carter also hat eine Stiftung ins Leben gerufen, die die Gesundheit der Menschen in der Dritten Welt verbessern will. Dies tut sie sehr konkret - aktuell beispielsweise hat sie sich den Guinea Worm vorgenommen. Der Guineawurm ist ein Parasit, der im Körper heranwächst und sich, sobald er reif ist, durch die Haut nach draußen frisst - eine für den Wirt äußerst schmerzhafte Prozedur. Jimmy Carter flog zu Opfern dieser Krankheit, und sein Besuch ist es häufig, der die politisch Verantwortlichen erst dafür sensibilisiert, dass es dieses Leiden in ihrem Zuständigkeitsbereich gibt. Dabei wäre es einfach zu verhindern - ein Mindestmaß an Hygiene schützt schon vor dem Wurm, und die Behandlung eines befallenen Patienten kostet nur wenige Dollar. Hier unterstützt dann auch die Stiftung.

Die New York Times, wo ich diesen Bericht gelesen habe, stellte fest, Jimmy Carter habe "in seinem Ruhestand bedeutend mehr für die Menschheit geleistet als die meisten Präsidenten" in ihrer Amtszeit - Zeit also, Jimmy Carter zu rehabilitieren.
6.3.07 20:28
 


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